Wildrettung im Landkreis

Überall im Landkreis kann man sie nun wieder beobachten: Jägerinnen und Jäger, die unermüdlich im Zickzack-Kurs über Grünflächen stapfen. Oft haben sie flatternde Plastiktüten an langen Stangen dabei, die sie in regelmäßigen Abständen auf den Wiesen verteilen. Denn es ist wieder Mahd-Zeit: die Landwirte führen den ersten Schnitt auf ihren Grünland- und Getreideflächen durch.

Dies stellt eine Gefahr für die auf diesen Flächen lebenden Wildtiere dar. Neben Junghasen sind Rehkitze besonders gefährdet. Zum Zeitpunkt der ersten Mahd sind sie oft erst wenige Wochen oder sogar erst wenige Tage alt. In dieser Lebensphase bleiben die Kitze alleine in der Deckung zurück. Die Kitze suchen sich ihre Liegeplätze dabei selbständig, bevorzugt im hohen Gras oder Getreide. Über Rufe kommunizieren sie mit ihrer Mutter, die sie mehrmals täglich zum Säugen aufsucht.

Bei Gefahr versuchen die Jungtiere instinktiv, sich wie erstarrt noch tiefer ins Gras zu drücken, denn der Fluchtreflex setzt erst mit zunehmendem Alter ein. Die Fahrer der Mähmaschinen haben somit kaum eine Chance, die Tiere noch rechtzeitig zu entdecken, bevor sie vom Mähwerk erfasst werden.

Doch wenn die Landwirte den jeweiligen Revierpächtern rechtzeitig Bescheid sagen, können diese die betroffenen Flächen am Abend vor der Mahd abgehen. Dabei sollen zum einen natürlich im Gras liegende Kitze gefunden werden. Diese werden dann vorsichtig auf die nächste sichere Wiese getragen. Die Rehkitze werden dabei nicht mit bloßen Händen berührt, sondern immer nur mit Handschuhen oder dicken Grasbüscheln. So kann das Risiko minimiert werden, dass die Ricke das Kitz aufgrund des anhaftenden menschlichen Geruchs nicht mehr annimmt.

Zum anderen soll möglichst viel Unruhe und menschliche Witterung in die Fläche gebracht werden, um so die Ricken dazu zu bringen, ihre Kitze aus der Wiese heraus zu holen und in ein anderes, ruhigeres Gebiet zu bringen. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch das Aufstellen von langen Stangen mit flatternden Plastiktüten daran, oder auch durch akustische Wildwarner, welche hohe Töne abgeben.

Wenn dann noch die Mähmaschinen mit mechanischen und/oder elektronischen Wildwarnern ausgestattet sind und die Wiese von innen nach außen gemäht wird, haben die Junghasen und Rehkitze gute Chancen, dem Mähtod zu entgehen!

Immer öfter kommen bei der Wildrettung auch Drohnen zum Einsatz, welche mit Wärmebildkameras ausgestattet sind. Jedoch ist der Einsatz noch sehr teuer. Darüber hinaus lassen sich die Mahdtermine und damit auch der Drohneneinsatz kaum langfristig planen, da sie stark von der Witterung abhängen. Vielerorts wird man also weiterhin nicht darum herumkommen, die Flächen zu Fuß abzugehen.

Je nach Revier kann das durchaus zu einem abendfüllenden Programm werden. Besonders betroffen sind unter anderem die Reviere der Elbmarsch, beispielsweise in Hittbergen: Hier gibt es wenig Wald aber dafür umso mehr Grünland. Um die diversen Flächen abzusuchen, die am nächsten Tag gemäht werden sollen, kommen leicht mehrere Stunden zusammen. Und das zum Teil an mehreren Tagen hintereinander. Am nächsten Morgen müssen die Wildwarner dann wieder eingesammelt werden, damit die Landwirte ungehindert mähen können.

Doch alle Beteiligten sind sich einig: Spätestens wenn man das erste winzige Kitz in den Händen hält und es zur nächsten sicheren Wiese trägt, sind alle Anstrengungen und die müden Beine vergessen!