Köpfe hoch und Nase raus! Jäger und Förster als Ansprechpartner in Sachen Waldökosystem

von Thomas Haas

Zu Beginn des Jahres reifte in den beiden Biologie-Leistungskursen der Berufsbildenden Schule in Winsen die Idee, das Ökosystem Wald nicht nur aus den Lehrbüchern, sondern auch in der Praxis „draußen“ kennen zu lernen. Persönliche Kontakte zum Hegering Reinstorf der Kreisjägerschaft Lüneburg erleichterten die Konkretisierung. Und so war es dann nach einigen weiteren Überlegungen und Planungen am Freitag, den 28. Juni 2019, soweit: östlich von Lüneburg war durch Vertreter des Hegerings ein Rundgang für die Schüler der beiden Kurse ausgearbeitet.

Das Ökosystem Wald wurde aus den verschiedensten Richtungen beleuchtet: Abiotische Faktoren wie Klima, Geologie und die „steinreichen Böden“ der Region, sowie biotische Faktoren (Tiere und Pflanzen) und auch die Einflüsse des Menschen wurden betrachtet.

Es ging auf der gut zweistündigen Exkursion darum, verschiedenste Waldbilder zu zeigen und deren Entstehung und Bedeutung zu verstehen: Ein Eichen-Birken-Wald, der kaum wertvolles Bauholz aber Brennholz liefert. Ein Fichten-Douglasien-Bestand, der nach dem zweiten Weltkrieg durch Menschenhand angelegt und weiter gepflegt wurde, und in dem nun Bauholz heranwächst. Oder auch eine Kulturfläche im zweiten bzw. dritten Jahr, hervorgegangen aus der Nutzung eines Kiefernvorbestands und jetzt mit Douglasie und Buche bepflanzt. Ergänzt wird diese Baumgesellschaft durch Naturverjüngung aus Kiefer- und Weichlaubholz.

Bei allen Waldbildern wurde der ökonomische Wert, aber vor allem die ökologische Bedeutung erörtert. Dass dabei der Waldbesitzer und dessen Zielsetzung eine gewichtige Rolle spielt, aber auch die Gesetzgebung und gesellschaftliche Ansprüche von Bedeutung sind, wurde angesprochen. Dabei sollte auch verstanden werden, dass sich Zielsetzungen des Menschen zum Teil schneller ändern als es der Wald mit den Lebenszyklen der Bäume erlaubt. Dies wurde zum Beispiel am Fichten-Douglasien-Bestand deutlich: Wollte man nach dem Krieg hauptsächlich den Wald als solches erhalten und erwartete man im Gegenzug wertvolles Bauholz, werden heute solche Bestände kritisch betrachtet. Begrenzte Artenvielfalt, hohe Risiken durch Sturm und Schädlinge, relativ geringe Wertigkeit z.B. als Wasserspeicher usw. lassen Diskussionen und Überlegungen zu.

Im Hochsommer und bei wolkenlosen Himmel konnte durch die Exkursionsteilnehmer in jedem Bestand das Licht am Boden gemessen werden. Es wurde auch ein kurzer Blick in den Boden gewagt, um den Bewuchs unterhalb der Baumschicht zu betrachten, zu erklären und dessen Bedeutung im Ökosystem zu verstehen:

Fichte/Douglasie zeigte eine Rohhumusauflage, eine oberflächliche Durchwurzelung und eine geringe Strauch- und Krautschicht. Im Birken-Eichen-Wald war die Durchwurzelung deutlich tiefer und gleichmäßiger. Es gab keinen Rohhumus und aufgrund des besseren Licht- (und Wasser-) Angebots auch eine gut entwickelte und stufige Vegetation von der ersten und zweiten Baumschicht, über eine Strauch- und Krautschicht.

Natürlich waren auf der zweijährigen Kulturfläche noch viel mehr Licht und Wasser verfügbar. Wir konnten aber auch die Extreme zwischen Tag und Nacht oder Sommer und Winter verstehen und zeigen. Die Baumschicht war hier sehr lückig, dafür gab es viel mehr Licht und Bewuchs am Boden. 

Am letzten Waldbild wurde diskutiert, wie die verschiedenen Aufgaben und Zielsetzungen, die heute an den Wald gesetzt werden, abzuwägen sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

So zeigt zwar der Eichen-Birken-Bestand die naturnächste Bestockung und den größten Artenreichtum. Unter dem Aspekt der CO2-Bindung schneiden Wälder mit hohem Zuwachs jedoch wesentlich besser ab: Soll etwa der CO2-Ausstoss durch Waldzuwachs in einem Jahr gebunden werden, der eine Autofahrt von den Winsener Schulen ins Exkursionsgebiet verursacht, so wurde näherungsweise berechnet, dass der Fichten-Douglasien-Wald etwa 1/3 weniger Waldfläche benötigt als ein Kiefernwald an gleichem Standort und etwa nur 50% der Fläche des Eichen-Birken-Waldes. Grund: Ausschließlich Holzzuwachs bringt zusätzliche CO2-Bindung. Biomasse (und damit Holz) an sich bedeutet „nur“ CO2-Speicherung.

Insgesamt war die Zeit knapp bemessen für diese Präsentation des wichtigsten heimischen Landökosystems in Sachen Klima-, Arten-, Natur- und Biotopschutz. Man war sich einig: Eine solche Exkursion hilft, das theoretisch Erlernte besser zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Es geht ums Begreifen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ökosysteme lassen sich schlicht am besten dort erlernen wo sie sind: draußen!